Interkonfessionelle Erklärung zur Kooperation zwischen Wissenschaft und Religion zum Schutz der Umwelt

Erklärung von Torreciudad

Diese Erklärung ist das Ergebnis von Diskussionen im Rahmen eines internationalen Seminars zur Kooperation zwischen Wissenschaft und Religion zum Schutz der Umwelt (http://www.issrec.org/), das durch die Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus inspiriert wurde. In diesem Seminar traf sich eine Gruppe von Umweltwissenschaftlern, Theologen und Religionsführern in mehreren bedeutenden Traditionen. Wir machen diese Erklärung all denen zugänglich, die mit uns die Besorgnis um das Ausmaß der Umweltprobleme teilen und die daraus resultierende Notwendigkeit einer engeren Zusammenarbeit zwischen den Wissenschaften, den Weltreligionen und den spirituellen Traditionen zur Lösung dieser Probleme erkennen.

1. Für die große Mehrheit der Menschen, die auf dieser Erde leben, tragen die spirituellen und religiösen Traditionen eine wichtige Bedeutung im täglichen Leben. Diese Traditionen stellen eine wichtige Quelle der Inspiration und eine Grundlage für moralische Werte dar, und schaffen ein Weltbild und eine Vorstellung davon, was es in Bezug auf Gott, auf unsere Mitmenschen und auf die Schöpfung bedeutet, Mensch zu sein.. Die Laudato si’ erklärt: „… das müsste die Religionen veranlassen, einen Dialog miteinander aufzunehmen, der auf die Schonung der Natur, die Verteidigung der Armen und den Aufbau eines Netzes der gegenseitigen Achtung und der Geschwisterlichkeit ausgerichtet ist.“ (Laudato si’, §201) In ähnlicher Weise haben auch andere religiöse Führer die Wichtigkeit der Zusammenarbeit zwischen den Weltreligionen und spirituellen Traditionen zur Lösung der Umweltprobleme hervorgehoben. Zusätzlich wurden interkonfessionelle Erklärungen in den letzten Jahren verabschiedet, die unterstrichen haben, dass der Verlust von Natur ein moralisches und spirituelles und nicht nur ein ökonomisches oder technologisches Problem darstellt; darunter die gemeinsame Erklärung von Papst Johannes Paul II und Patriarch Bartholomäus I von 2002, das Interkonfessionelle Manifest von Uppsala zum Klimawandel von 2008, und die Islamischen und Buddhistischen Erklärungen zum Klimawandel von 2015. Allerdings sind wesentlich drastischere Entscheidungen nötig, um unsere derzeitigen ökonomischen und sozialen Modelle durch umweltfreundlichere zu ersetzen.

2. Die Wissenschaft hat für das Verständnis von Umweltproblemen, für die Erfassung von Trends und für die Projektionen möglicher Zukünfte eine zentrale kritische Funktion. Die Verschlechterung der Umweltbedingungen stellt ein globales Problem dar, sowohl in Bezug auf die betroffenen Räume als auch auf die betroffenen Komponenten: Klimawandel, Versauerung der Ozeane, Wasser- und Luftverschmutzung, Verlust von Biodiversität und Lebensräumen, sowie viele andere Probleme müssen durch die Integration vieler verschiedener Disziplinen innerhalb der Natur-, Sozial- und Humanwissenschaften angegangen werden. Eine enge Kooperation zwischen den Schlüsseldisziplinen ist weiterhin notwendig um ein umfassenderes Verständnis der Herausforderungen durch die verschiedenen Umweltprobleme und den komplexen Synergien zwischen diesen zu erlangen. Wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika sagt, neigt die Spezialisierung „dazu, sich in Abschottung und in eine Verabsolutierung des eigenen Wissens zu verwandeln. Das verhindert, die Umweltprobleme in geeigneter Weise anzugehen.“ (Laudato si’, §201)

3. Wissenschaft allein kann die gegenwärtige ökologische Krise nicht lösen. Eine engere Zusammenarbeit aller Akteure, welche die sozial-ökologischen Attitüden und Entscheidungen beeinflussen ist notwendig, einschließlich politischer Gruppierungen, Nicht-Regierungs-Organisationen und Unternehmen. Religiöse und spirituelle Traditionen sind die älteste Quelle moralischer Werte, Weisheit, und Inspiration. Sie inspirieren uns zu Lebensweisen in Gerechtigkeit, Frieden und Harmonie. Spirituelle und kulturelle Werte ermöglichen es, den übertriebenen Konsum zu vermeiden, der eine zentrale Ursache der Umweltprobleme darstellt. Sie motivieren uns, Tugenden zu pflegen und Mitgefühl zu zeigen gegenüber unseren Mitmenschen, Tieren und Pflanzen, sowie die Luft, das Land und die Ozeane, in denen diese leben, wertzuschätzen – unsere „Mutter Erde“. Aus diesen Gründen ist eine engere Kooperation zwischen Wissenschaftlern und Glaubensgemeinschaften nötig, um ein tieferes Umweltbewusstsein und das entsprechende Handeln zu fördern.

4. Religiöse und spirituelle Gemeinschaften spielen weltweit eine herausragende Rolle in der Bildung und Erziehung, insbesondere der jüngeren Generation. Daher ist es unabdingbar, dass führende Mitglieder aller Glaubensrichtungen auf allen Ebenen ein tieferes Verständnis der Umweltprobleme entwickeln, vor denen wir stehen, und eine „ökologische Umkehr“ von unserem nicht nachhaltigen Lebensstil einleiten. Die notwendigen radikalen Änderungen bedeuten nicht nur, dass man den Umweltfragen mehr Aufmerksamkeit widmet oder seinen Konsum oberflächlich reduziert. Vielmehr erfordert diese Umkehr auch „ein Denken, eine Politik, ein Erziehungsprogramm, einen Lebensstil und eine Spiritualität, die einen Widerstand gegen den Vormarsch des technokratischen Paradigmas bilden.“ (Laudato si’, §111) Religiöse Einrichtungen, wie Schulen, Pfarreien, Tempel, Moscheen, Islamschulen, Synagogen und Klöster sollten sich aktiver als verantwortungsbewusste Hüter der Erde engagieren und nicht als deren Zerstörer.

5. Die Schwere der Umweltprobleme und deren bedrohende Entwicklung stellen ein ernsthaftes Risiko für die Bewohnbarkeit unsers Planeten dar.Wissenschaftliche Evidenz belegt das Ausmaß und die Allgegenwart der Auswirkungen, die durch den Eingriff des Menschen auf viele natürliche Prozesse verursacht werden. Aufgrund unserer intensiven Nutzung fossiler Energieträger sind wir für den Klimawandel der letzten Jahrzehnte verantwortlich, der potentiell katastrophale Auswirkungen auf Natur und Gesellschaft nach sich zieht. Wir sind der Grund für ein massives Aussterben von Arten, von denen die meisten unbekannt sind, und die unwiederbringlich für uns und unsere Nachkommen verloren gehen. Wir verschmutzen Luft und Wasser, bringen Ökosysteme zum Erliegen, fällen Wälder, zerstören fruchtbare Böden und verschleudern Ressourcen. Als Ergebnis leiden daran sehr stark die am meisten verletzlichen Menschen, insbesondere die Armen, die an den Rand gedrängt und ausgeschlossen werden. Umwelt- und soziale Probleme haben oft dieselben Wurzeln und sollten daher beide mit derselben Ernsthaftigkeit angegangen werden: „Die Wege zur Lösung erfordern einen ganzheitlichen Zugang, um die Armut zu bekämpfen, den Ausgeschlossenen ihre Würde zurückzugeben und sich zugleich um die Natur zu kümmern.“ (Laudato si’, §139) Wir Menschen sind von den Systemen der Erde abhängig, um diesen Planeten für uns und die zukünftigen Generationen als Heimat zu bewahren. Doch, wie auch der Papst betont, genügt es nicht „an die verschiedenen Arten nur als eventuelle nutzbare »Ressourcen« zu denken und zu vergessen, dass sie einen Eigenwert besitzen. Jedes Jahr verschwinden Tausende Pflanzen- und Tierarten, die wir nicht mehr kennen können, die unsere Kinder nicht mehr sehen können, verloren für immer.“ (Laudato si’, §33)

6. Wir müssen dringend die bedrohlichsten Entwicklungen der Umweltzerstörung abwehren. Wir müssen ein neues Modell des Fortschritts anstreben, das die Ökologie von Mensch und Natur vereint und auf saubere Energie und nachhaltige Wirtschaftssysteme setzt. Wir müssen kreative Lebensweisen entwickeln, die sich auf die wesentlichen Werte konzentrieren anstatt uns zu absurdem Konsumverhalten zu verleiten (Weniger ist Mehr). Wir benötigen ein realitätsbezogenes und hoffnungsvolles Denken, das unser Leben glücklicher macht und uns zugleich zum Mitgefühl für unsere Mitmenschen und andere Lebewesen und ihre Lebensräume ermutigt. Wissenschaft und Religion müssen zusammenarbeiten um den nötigen Wandel Wirklichkeit werden zu lassen.

Torreciudad, Spanien, 21. Juni 2016

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